Wir für den Menschen

Tod und Sterben aus der Tabuzone holen

Erding I 29.10.2019

In der professionellen Altenpflege gehört die Begegnung mit dem Tod nicht nur an Allerheiligen zum Leben, sondern begleitet den beruflichen Alltag während des ganzen Jahres. Entsprechende Unterrichtseinheiten, die Altenpflegeschülerinnen und -schüler darauf vorbereiten, sind daher verpflichtend in der Ausbildung vorgesehen. Der aktuelle Kurs der Berufsfachschule für Altenpflege hat sich in einem mehrteiligen Seminar umfassend mit dem schwierigen Thema Sterben und Tod auseinandergesetzt.

Der erste Seminarteil zum Thema Sterben und Tod startete für die 22 angehenden Altenpflegerinnen und Altenpfleger zunächst kreativ. Mithilfe von Bildern, Musik und Tüchern versuchten sie sich gegenseitig ihre Jenseitsvorstellungen zu verdeutlichen. Neben den unterschiedlichen Vorstellungen vom Tod ging es auch um die Versorgung von schwerstkranken und sterbenden Patienten sowie Begegnungen mit Hospizpatienten. Jutta Mayer, Hospiz- und Trauerbegleiterin des Christophorus Hospizvereins Erding e.V., gab den Auszubildenden einen Einblick in ihre enge Zusammenarbeit mit Alten- und Pflegeeinrichtungen sowie Krankenhäusern im Landkreis Erding. Ein Bild der konkreten Hospizarbeit machte sich der Kurs anschließend auf der Palliativstation des St. Christophorus Krankenhaus in München. Ein Besuch des Bestattungsinstituts AETAS gab den Schülern Gelegenheit, die grundlegenden Abläufe nach dem Tod kennenzulernen.

Losgelöst vom Schulalltag konnte sich die Klasse bei einem zweitägigen Aufenthalt in der Oase Steinerskirchen, südlich von Ingolstadt, intensiv mit dem eigenen Erleben und dem Umgang mit Sterben und Tod auseinandersetzen. „In dieser belastenden Phase sind professionelle Altenpfleger nicht nur mit den Gefühlszuständen der Sterbenden konfrontiert, neben den eigenen Emotionen spielt auch die Begleitung der Angehörigen hier oft eine große Rolle", erklären die beiden begleitenden Lehrkräfte Kerstin Sievers und Erika Birner-Hintermaier. Trauerarbeit mit Abschiedsritualen, Gesprächsangeboten und symbolischen Handlungen helfen allen Beteiligten, den Abschied aktiv zu bewältigen. Mithilfe von Rollenspielen, Fallbeispielen und Partnerübungen näherten sich die Auszubildenden der Gefühlswelt der Sterbenden und ihrer Angehörigen an. „Körperübungen und Meditationen können helfen, um mit der Trauer und dem Schmerz fertig zu werden", stellten die Schüler einhellig fest.

Zurück in der Berufsfachschule für Altenpflege Erding der Schwesternschaft München vom BRK e.V. rundete ein letzter Unterrichtsblock zu ethischen, rechtlichen und auch emotionalen Fragen wie etwa der individuellen Haltung zur Sterbehilfe das Seminar ab. Neben rechtlichen Fragen wie Patientenverfügung oder Betreuungsvollmacht nahmen natürlich pflegerische Maßnahmen in der Sterbephase großen Raum ein. Maria Ackermann vom Spezialisierten Ambulanten Palliativteam Erding (SAPV) stellte ihre pflegerischen Aufgaben vor. Das SAPV-Team ermöglicht Menschen mit weit fortgeschrittenen Erkrankungen trotz schwerwiegender Symptome, im häuslichen Umfeld zu verbleiben. Obwohl Ackermann auch die emotional fordernden Aspekte der Palliative Care Palliativpflege nicht aussparte, zeigten sich einige der angehenden Altenpfleger sehr interessiert an diesem möglichen Einsatzfeld für ihr späteres Berufsleben. Nach dem Seminar waren sich die Schüler einig, dass es auch nach Abschluss der Ausbildung mehr Fortbildungen zum Thema Sterbebegleitung geben sollte.

„Es ist uns grundsätzlich sehr wichtig, eine angenehme Lernatmosphäre zu bieten. Bei einem so emotionalen Thema aber kommt der Schule als Schutzraum noch einmal größere Bedeutung zu. Wir müssen das Thema ‚Tod und Sterben' aus der gesellschaftlichen Tabuzone holen, um den Schülerinnen und Schülern einen professionellen Umgang damit zu ermöglichen, ohne ihre Fähigkeit zur Empathie einzuschränken oder gar zu beschädigen", erläutert Sievers. „Im Grunde kommt der professionellen Altenpflege damit ein gesellschaftlicher Auftrag zu", ergänzt ihre Kollegin Birner-Hintermaier.